Brief 1430 veröffentlicht am 27 Oktober 2026
„O Maria, bringe den Olivenzweig des liturgischen Friedens!“
Wir veröffentlichen hier den Text der Predigt, die Athanasius Schneider anlässlich der Messe hielt, die er am 24. Oktober 2026 in Rom in der Basilika Santa Maria Maggiore für die Pilger von „Summorum Pontificum“ zelebrierte. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Basilika, unweit des Grabes des heiligen Pius V., sprach der Bischof, der die 15. Wallfahrt „Ad Petri Sedem“ begleitete, über die traditionelle Messe, die niemals abgeschafft wurde. Er flehte die Königin des Friedens an, diesen traditionellen Katholiken, die „wie Katholiken zweiter Klasse“ behandelt werden, den Frieden zu bringen. “ Dennoch sind sie nicht verbittert: „Sie lieben weiterhin ihre Mutter, die Kirche von Rom, auch wenn sie sich von ihr derzeit nicht verstanden fühlen.“ Man wird die Vorstellung zu schätzen wissen, mit der Bischof Schneider sich den verstorbenen Papst Franziskus vorstellt, der nun unter dem Blick der Ewigkeit steht und Papst Leo durchaus raten könnte, die Messe des heiligen Pius V. wieder einzuführen…
"Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Die heilige Kirche, der Stuhl des heiligen Petrus, ist unsere Mutter. Wir sind Kinder der Kirche, und deshalb ist allen wahren Katholiken die Bezeichnung „heilige Mutter Kirche“ so teuer. Die Kirche ist Mutter, weil es eine andere Mutter gibt, jene eine Mutter, die unbefleckt und immerwährende Jungfrau ist: die allerseligste Jungfrau Maria, die Mutter Gottes und unsere Mutter.
Es ist uns eine große Freude, dass wir in diesem Augenblick und in dieser Basilika – im Haus unse-rer Mutter – die heilige Messe in derselben ehrwürdigen Form feiern dürfen, in der sie hier so viele Päpste und unzählige Generationen von Priestern gefeiert haben. Hier haben mehrere Heilige und Päpste ihre erste heilige Messe gefeiert, darunter der heilige Ignatius von Loyola und Papst Pius XII.
Papst Franziskus verehrte in besonderer Weise die Ikone der Salus Populi Romani, die in dieser Basi-lika aufbewahrt wird. Eben diese Basilika erwählte er zu seiner letzten irdischen Ruhestätte. In den zwölf Jahren seines Pontifikats betete Papst Franziskus hundertsechsundzwanzigmal vor der Ikone der Salus Populi Romani. Sein erster Besuch fand am 14. März 2013 statt, am Tag nach seiner Wahl; sein letzter eine Woche vor seinem Tod. Er kam vor und nach jeder apostolischen Reise hierher so-wie während seiner vier Krankenhausaufenthalte in der Gemelli-Klinik. Sieben weitere Päpste sind in der Basilika bestattet.
Diese Basilika und die überlieferte Form der Messe im römischen Ritus sind ganz real mit dem heili-gen Pius V. verbunden, dessen heiliger Leib hier ruht. Er ist als Papst des überlieferten römischen Ritus und des heiligen Rosenkranzes in die Geschichte eingegangen. Dank des Rosenkranzgebets errangen die Christen bei Lepanto wider alles menschliche Erwarten den Sieg über die Feinde der Christenheit.
Der heilige Pius V. nahm keine Reform des Messritus im strengen Sinne vor, denn er war beseelt von einer tiefen Ehrfurcht vor der liturgischen Überlieferung der Kirche von Rom. Seit Jahrhunder-ten besaß die Kirche von Rom einen Ritus, der aufgrund seiner Unversehrtheit in der Lehre, seiner rituellen Schönheit und seiner Reife keiner Reform bedurfte. Vielmehr bot er inmitten der weit ver-breiteten liturgischen Anarchie des 16. Jahrhunderts, die durch die protestantischen Pseudoreformen hervorgerufen worden war, Gewähr und einen sicheren Bezugspunkt.
Durch die apostolische Konstitution Quo Primum und gestützt auf diese ehrwürdige Überlieferung und ihre Heiligkeit garantierte der heilige Pius V. in besonders feierlicher Weise allen Priestern des römischen Ritus den freien und immerwährenden Gebrauch der überlieferten Form der Messe. Er bestimmte ausdrücklich, dass niemals ein Priester gezwungen werden dürfe, die heilige Messe in einer anderen Form als der des von ihm promulgierten Messbuchs zu feiern, und dass seine apostoli-sche Konstitution Quo Primum auch in Zukunft nicht widerrufen werden könne. Damit hat der hei-lige Pius V. den überlieferten Messritus gewissermaßen kanonisiert. Folglich hat es kein römischer Papst je gewagt, Quo Primum zu widerrufen oder zu „entkanonisieren“. Dies erkannte Papst Bene-dikt XVI. an, als er bekräftigte, dass diese Form der Feier des Messopfers niemals abgeschafft worden sei (vgl. das Apostolische Schreiben Summorum Pontificum vom 7. Juli 2007).
Wir befinden uns in einer Basilika, die auch die Statue der Mutter Gottes unter dem Titel „Königin des Friedens“ beherbergt; diese Statue wurde auf Geheiß von Papst Benedikt XV. hier aufgestellt. Die Jungfrau Maria, Königin des Friedens, sitzt auf einem Thron und hält das Jesuskind, das im Begriff ist, den Olivenzweig fallen zu lassen. Das Antlitz der Jungfrau drückt Schmerz und Trauer aus, und mit erhobenem Arm fleht sie um ein Ende der Feindseligkeiten. Auf dem Sockel wartet eine Taube sehnsüchtig darauf, dass der Olivenzweig herabfällt, damit sie der Menschheit die Frie-densbotschaft überbringen kann. Sehr viele Katholiken weltweit – insbesondere Angehörige der jün-geren Generation und junge Familien – hegen den berechtigten Wunsch, an der heiligen Messe in ihrer überlieferten Form teilzunehmen.
Papst Johannes Paul II. hielt den Wunsch der Gläubigen nach dieser liturgischen Form für berech-tigt und forderte die Bischöfe auf, ihm großzügig zu entsprechen (siehe das Apostolische Schreiben Ecclesia Dei). Durch diese liturgische Form suchen die Gläubigen die geistliche Verbundenheit mit den Heiligen und ihren eigenen Vorfahren; sie sehnen sich danach, mit eigenen Augen, Ohren und Herzen jene rituelle Form der Messe zu erfahren, die so viele Heilige, Märtyrer und Bekenner in ihrem christlichen Leben genährt und gestärkt hat. Doch heute fühlen sich diese Gläubigen – insbe-sondere die jungen – aufgrund starrer rechtlicher Beschränkungen und pastoraler Diskriminierung als Katholiken zweiter Klasse behandelt. Trotzdem hegen sie keine Bitterkeit, sondern hören. nicht auf, ihre Mutter, die Kirche, zu lieben, auch wenn sie sich gegenwärtig von eben dieser Mutter – von der Kirche von Rom – nicht verstanden fühlen.
Wenn die Lateranbasilika „die „Mutter und das Haupt aller Kirchen der Stadt [Rom] und des Erd-kreises“ ist, dann ist die Basilika Santa Maria Maggiore „die Mutter und das Haupt aller Marien-heiligtümer der Welt“.
Mögen die Heiligen und Päpste, die unserem Marienheiligtum besonders verbunden sind, die Mutter Gottes – die Salus Populi Romani und Regina Pacis – anflehen, uns die Gnade zu erwirken, dass der Olivenzweig aus der Hand des Jesuskindes auf den Armen der Regina Pacis auf uns herabfalle und uns den ersehnten liturgischen Frieden bringe: einen Frieden, der den uneingeschränkten Gebrauch der überlieferten Form des römischen Ritus ohne Diskriminierung wiederherstellen würde.
Mögen die Verantwortlichen in der Kirche das Kommen eines solchen liturgischen Friedens fördern und sich von der Stimme der Regina Pacis und der kleinsten Kinder der Kirche berühren lassen, die im Bereich der Liturgie an den Rand gedrängt worden sind. Mögen sie auch diese Worte Johannes Pauls II. beherzigen: „Im Römischen Messbuch, das als das Messbuch des heiligen Pius V. bekannt ist, … finden sich sehr schöne Gebete, mit denen der Priester tiefste Demut und Ehrfurcht vor den heiligen Geheimnissen zum Ausdruck bringt: In ihnen offenbart sich das eigentliche Wesen jeder Liturgie“ (Botschaft an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 21. September 2001).
Und mögen sie die Worte von Papst Franziskus bedenken, der die orthodoxen Kirchen dafür lobte, dass sie ihre „ursprüngliche“ und „sehr schöne“ Liturgie bewahrt hätten, und sagte: „Wir haben den Sinn für die Anbetung ein wenig verloren. Die Orthodoxen haben ihn bewahrt; sie loben Gott, sie beten Gott an, sie singen, die Zeit spielt keine Rolle. Gott steht im Mittelpunkt, und … das ist ein Reichtum.“ (Pressekonferenz auf dem Rückflug von der apostolischen Reise nach Brasilien, 28. Juli 2013). Heute würde Papst Franziskus seinem Nachfolger und den Bischöfen vielleicht sagen: „Stellt die ursprüngliche und sehr schöne Form des römischen Ritus, die der heilige Pius V. kanoni-siert hat, wieder her und bewahrt sie.“ Diese Form der Messe war die Messe der Jugend von Papst Franziskus und die Messe seiner Bekehrung. Diese Form der Messe war die Messe der Kindheit und der Erstkommunion von Papst Leo XIV.
O Maria, Mutter Gottes, o Salus Populi Romani, o Regina Pacis, bringe uns den Olivenzweig aus der Hand des Jesuskindes als Vorboten des kommenden liturgischen Friedens, der den uneingeschränk-ten und freien Gebrauch des überlieferten römischen Ritus gewährleisten wird, damit wir wieder erfahren dürfen, dass die Kirche von Rom unsere Mutter ist. Amen."
+ Athanasius Schneider, Weihbischof von St. Maria zu Astana



